(Bild: Siemens)
Erschienen in: E&E April 2009, S. 19
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Prüfen bei Windstärke 10

Experten erzählen über spannende Prüferlebnisse

Der Arbeitsalltag von Prüfingenieuren ist vorwiegend geprägt von gesetzlichen Vorgaben. Aber er hält auch so manche Überraschung bereit. Experten haben uns über spannende Erlebnisse sowie über bestandene und zukünftige Herausforderungen berichtet. * Kathrin Veigel

Testingenieure haben einen verantwortungsvollen Job: Sie prüfen in ihren Laboren, ob Geräte, Komponenten und Systeme jederzeit sicher funktionieren, umwelt- und elektromagnetisch verträglich sowie unbedenklich für die Gesundheit sind. Erfüllen die Prüflinge die gesetzlichen Anforderungen, bekommen sie die Zertifizierung auf Richtlinien- und Normenkonformität. Dass die Arbeit der Testingenieure allerdings keineswegs so langweilig ist, wie die Begriffe „Gesetze“, „Richtlinien“ und „Normen“ vermuten lassen, haben uns verschiedene Prüfexperten in ausführlichen Gesprächen geschildert.

"Enger Kundendialog ist entscheidend für gute Projektbearbeitung – ohne böse Überraschungen."

* Wolfgang Landgrebe, EMC-Competence-Center

"Das Tüfteln an Problemlösungen und der Kontakt mit Kunden macht mir besonderen Spaß."

* Rosemarie Lein, Aucoteam

"Wir legen beim Testen sehr großen Wert auf Qualität und Schnelligkeit."

* Thomas Weigand, TÜV Rheinland LGA

So hatten zum Beispiel die Prüfingenieure des Berliner Unternehmens Aucoteam eine wahrhaft schwindelerregende Herausforderung zu meistern: Sie sollten herausfinden, welchen Belastungen Motoren in der Kapsel einer Windkraftanlage ausgesetzt sind. „Da wir für diesen Auftrag nicht auf bereits bestehende Testnormen zurückgreifen konnten, half nur eines: eine Inspektion vor Ort“, berichtet Rosemarie Lein, Leiterin der Prüflabors von Aucoteam. Im Detail bedeutete das: Die Laborleiterin musste in die 60 Meter hohe Kapsel der Windkraftanlage hochklettern. Dabei war sie zwar durch Seile gesichert, dennoch machten die am Besichtigungstag herrschenden Worst-Case-Bedingungen – eine Windgeschwindigkeit der Stärke 10 – den Aufstieg zu einem kleinen Abenteuer. Mithilfe der Erkenntnisse, die aus der Erkundungstour in luftiger Höhe gewonnen wurden, entwickelten die Spezialisten von Aucoteam ein Prüfprogramm, das die an der Windkraftanlage vorgefundenen Bedingungen im Labor simulierte. Das Ergebnis war sowohl für Rosemarie Lein und ihr Team als auch für den Auftraggeber zufriedenstellend: An den Motoren gab es keinerlei Schwachstellen zu beanstanden.

Königliche Polizei schreitet ein

Mit einem nicht ganz so körperlich fordernden, aber auch keineswegs alltäglichen Prüfauftrag wurde Wolfgang Landgrebe vor etwa vier Jahren konfrontiert: Ein in Holland produzierender Betrieb aus der Lebensmittelbranche wandte sich an den Division Manager des EMC-Competence-Centers (EMC C.C.) von Mitsubishi Electric Europe. Die holländische königliche Kriminalpolizei hatte die Fabrik geschlossen, da deren Maschinen den Polizeifunk störten. Nun musste schnell herausgefunden werden, was diese Störungen verursachte – immerhin gingen dem Betrieb durch den Stillstand der Maschinen mehrere Tausend Euro pro Tag verloren. „Auf den Hilferuf hin sind wir mit unserem Messequipment sofort ausgerückt und haben vor Ort die Fabrik drei Tage lang von A bis Z vermessen“, erzählt Landgrebe. Ergebnis: Die elektrischen Leitungen waren falsch verlegt worden. Nachdem fest stand, was den Polizeifunk „platt gemacht hatte, hat der Betriebselektriker mit seiner Mannschaft unter unserer Anleitung und nach einem von uns entwickelten Konzept in einer Woche die Kabelstränge so verlegt, wie sich das gehört. Damit war die Sache erledigt.“

Dass es sich Prüflabore zur Aufgabe gemacht haben, ihren Kunden „in jeder Lebenslage zu helfen“, wie es Wolfgang Landgrebe ausdrückte, kann auch der EMV-Laborleiter beim Testhaus Herberg Service Plus, Mario Lehmann, bestätigen. So hat ein deutsches Versandhaus sein Labor damit beauftragt, aus Asien importierte Audio-Player zu testen. Der Auftraggeber vertraute seinem Lieferanten hinsichtlich der Produktqualität nicht. Das Gerät hat dann auch tatsächlich die Prüfung nicht bestanden. „Daraufhin haben wir eine Modifizierungsmaßnahme entwickelt und diese dem Kunden vorgestellt“, erklärt Lehmann. Das Versandhaus war mit dem Vorschlag einverstanden und gab dem Labor grünes Licht für die Überarbeitung des Geräts. Eine solch aufwändige Arbeit sei ungewöhnlich für Prüfhäuser, so Lehmann. Sie würden sich in der Regel doch eher aufs reine Testen beschränken. Das Vorgehen bei diesem Auftrag sah so aus: „Wir haben alle 12.000 importierten Audio-Player zunächst zwischengelagert und dann jeden einzelnen ausgepackt, aufgeschraubt und die Modifikation eingebaut. Anschließend haben wir die Geräte wieder zugeschraubt, verpackt und unserem Kunden geliefert.“ Mit dieser umfassenden Unterstützung durch die Experten von Herberg verfügte das Versandhaus am Ende über ein asiatisches Produkt, das vollkommen fit für den europäischen Markt war.

Altersgerechtes Design testen

Nach zukünftigen Herausforderungen beim Testen gefragt, nennt Thomas Weigand, Leiter des EMV-Prüfzentrums von TÜV Rheinland LGA, die Stichpunkte Energieeffizienz oder altersgerechtes Design. Zum letztgenannten Punkt erläutert Weigand: „In zwanzig, dreißig Jahren wird der Großteil unserer Gesellschaft über 60 Jahre alt sein. Daher werden in den kommenden Jahren verstärkt solche Produkte auf den Markt kommen, die auf die eingeschränkte Sinneswahrnehmung bzw. Bewegungmöglichkeit älterer Menschen ausgelegt sind. Wir stellen uns bereits heute auf diese Zukunftsthematik ein und arbeiten daran, die einfache Bedienbarkeit von Produkten zertifizieren zu können. Unser Labor hat hierfür unter der Bezeichnung „All generations“ auch schon ein eigenes Prüfzeichen entwickelt.“ Beim Thema Energieeffizienz bestehe die Herausforderung für sein Labor unter anderem darin, den Verbrauch von elektrischen Geräten im Standby- bzw. Offline-Modus exakt zu messen. Mit Standardmesstechnik, die zu große Toleranzen aufweise, sei dies nicht möglich. Vielmehr habe man sich ein mehrere Tausend Euro teures Gerät zulegen müssen, um Messungen von Verbrauchswerten unter 1 W mit der entsprechenden Genauigkeit vornehmen zu können.

Kollegialität ist Trumpf

Last but not least betonten alle vier Befragten in den Interviews, dass die Zusammenarbeit mit anderen Prüfinstituten bzw. Testingenieuren ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit sei. Sei es, dass man auf Messgeräte anderer Labore zurückgreift, über die man selbst nicht verfügt; sei es, dass man sich mit externen Kollegen auf Tagungen oder Messen austauscht – zum Beispiel über besonders komplizierte Anforderungen beim Testen.

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